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"Arzt hätt ich nicht werden dürfen"

Szenische Lesung der Eichmann Protokolle mit Schauspielern der Hannoverschen Kammerspiele

 

Stille im Forum der sonst so geräuschvollen und bunten Gesamtschule Friedenstal. Niemand bewegt sich, alle blicken auf die Bühne, wo Bernd Surholt und Harald Schandry an einem Tisch sitzen. Die beiden Schauspieler der Hannoverschen Kammerspiele stellen auf der Bühne SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann und einen Erzähler dar, der bisweilen auch in die Rolle des Generalstaatsanwalts Gideon Hausner wechselt. Eichmann wird vorgeworfen, mitschuldig an der Ermordung von Millionen von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus zu sein. Die szenische Lesung basiert auf dem Buch „Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, von Hannah Arendt, die darin das 3564 Seiten starke Protokoll des Eichmann-Verhörs auf 300 Seiten zusammenfasst. Abwechselnd tragen die Schauspieler Zitate aus Arendts Buch vor oder lesen Originalzeitungsüberschriften so überzeugend vor, dass die Schülerinnen und Schüler schnell den Eindruck haben, den leibhaftigen Eichmann auf der Bühne zu sehen.

Organisiert wurde die Veranstaltung von Studienrat Markus Kucza, der Geschichte an der Gesamtschule Friedenstal unterrichtet. „Die Lesung war sehr interessant und herzergreifend“, sagt Alina Cakar, die Schülersprecherin der Gesamtschule Friedenstal. Am Ende hatten die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, den Schauspielern Fragen zu stellen. Dabei wurde deutlich, dass sie über die Brutalität der damaligen Vorgehensweise durch den Unterricht bereits gut informiert waren, allerdings wurde die herzlose Vorgehensweise der Nazis durch die Inszenierung der Protokolle noch schockierender. So behauptete Eichmann, niemals selbst einen Juden umgebracht zu haben, er hätte es nicht über das Herz gebracht. Der Anblick der vielen Leichen und die Art und Weise, wie man Juden reihenweise getötet hat, hätten ihn angewidert. Er sei so sentimental, dass er nicht Arzt hätte werden dürfen.

„Wie konnte Eichmann nur so felsenfest davon überzeugt gewesen sein, nicht für die Ermordung der Juden verantwortlich gewesen zu sein?“, stellte ein Schüler entsetzt fest. Diese Frage blieb ungeklärt, aber sowohl die Lehrerkräfte als auch die Schülerinnen und Schüler waren sich einig, dass Veranstaltungen wie diese szenische Lesung regelmäßig in Schulen stattfinden müssen, damit man sich noch besser in die Vergangenheit hineinversetzen kann und aus ihr für die Zukunft lernt.

Tatsächlich war Eichmann eine der Schlüsselfiguren bei der von den Nazis so genannten „Endlösung der Judenfrage“. Er organisierte den Judenmord, organisierte die Transporte in die Konzentrations- und Vernichtungslager und reiste selbst in die Konzentrationslager, um die dortigen Abläufe zu optimieren. Er gab an, auch Erschießungen der Juden im Osten Europas mitangesehen zu haben. Eichmann beschwerte sich danach bei seinen Vorgesetzen, dass „unsere Leute zu Sadisten erzogen würden“.

Mitleid mit den Opfern gab es keines. Eichmann stritt bis zu seinem Tod eine juristische Verantwortung für den Judenmord vehement ab, der Führer habe die physische Vernichtung der Juden befohlen. Somit wies er jegliche eigene Schuld von sich und macht seine Vorgesetzten für den Judenmord verantwortlich.

 Heute ist bekannt, dass Eichmann seine Rolle bei der „Endlösung der Judenfrage“ bewusst klein geredet hat, um einer harten Strafe zu entgehen. Er hatte sich ein Beispiel an Albert Speer, Architekt und Rüstungsorganisator im Nationalsozialismus, genommen, der es schaffte, seine eigene Rolle im Nationalsozialismus als gering darzustellen und so lediglich zu 20 Jahren Haft in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen verurteilt wurde.

Der israelische Geheimdienst Mossad spürte  Eichmann 1960 in Argentinien auf und entführte ihn nach Israel, um ihm dort den Prozess zu machen. Eichmann lebte dort unter dem Decknamen Ricardo Clement. Entführt wurde er, weil zwischen Argentinien und Israel kein Auslieferungsabkommen bestand. Der Prozess dauerte von April bis Dezember 1961 und endete mit dem Todesurteil für Adolf Eichmann, das 1962 vollstreckt wurde.

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